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Autor: Daniela Hofmann
Ort: München, Deutschland
Kategorie: Artikel
Rubrik: Frauenrechte, Religion
Datum: 26.07.2018
Textdauer: ca. 8 Min.
Sprache: Deutsch
Titel: Der Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat und das Verhältnis zu den anwesenden Frauen

 

 

Der Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat und das Verhältnis zu den anwesenden Frauen

 

Im Sommer hatte ich die Gelegenheit, an einem interreligiösen Austausch in kleinem Kreis mit einem Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat teilzunehmen. Nach der Begrüßung des Geistlichen, der zunächst den Männern die Hand schüttelte, die von den Frauen dargereichte Hand allerdings nur mit Zögern und großer Zurückhaltung ergriff, erzählte er den Anwesenden über die Ahmadiyya im allgemeinen, ehe es später in eine kontrovers angelegte Diskussion ging.
 
Die Ahmadiyya-Bewegung wurde 1889 von Hadhrat Mirza Ghulam Ahmadas (1835-1908) von Qadian (Indien) gegründet. Sie sei die einzige islamische Strömung die daran glaubt, dass der von den Muslimen erwartete Reformer und Messias bereits in der Person ihres Gründers erschienen sei. Er beanspruchte aufgrund „göttlicher Offenbarungen“, der im Islam und von allen anderen großen Religionen erwartete Messias zu sein. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat sei keine Abspaltung innerhalb des islamischen Glaubens, sondern eine Reformgemeinde mit rein spirituellem Charakter, die den wahren Islam in einer modernen Auslegung predige. Es sei ihr Ziel, den Islam von Aberglauben und Irrtümern zu befreien und seine friedlichen Aspekte hervorzuheben. Aus diesem Grund würde die Ahmadiyya-Gemeinschaft von vielen Muslimen, die einer orthodoxen Islam-Auslegung folgen, als Gefahr für die bestehenden Machtstrukturen gesehen und wäre die am meisten verfolgte islamische Gemeinde weltweit.
 
Die Lehre der Ahmadiyya basiert wie alle islamischen Glaubensauslegungen auf den Koran, die Sunna und den Hadithen und hält an den fünf Grundpfeiler des Islam fest:
 
• dem Zeugnis, dass niemand anbetungswürdig ist außer Allah und Muhammad der Gesandte Allahs ist
• die täglichen Gebete
• das Fasten im Monat Ramadan
• die Armensteuer
• die Pilgerfahrt nach Mekka
 
Heute sei die mehrere Millionen zählende Gemeinschaft in über 200 Ländern vertreten und bilde die größte Gemeinschaft organisierter Muslime, auch wenn sie in den einzelnen islamischen Staaten eine Minderheit darstelle. Ihr Hauptsitz, wo auch die Imame ausgebildet würden, sei aktuell in London. In Deutschland selbst gebe es rund 45.000 Mitglieder und mehr als 50 Ahmadiyya-Moscheen. Die Gemeinden finanzierten sich ausschließlich durch Spenden der Mitglieder.
 
Unter dem Vorsitz eines Kalifen, der als Nachfolger des Gründers auf demokratische Art gewählt würde, trete man für die ursprünglichen Werte des Islam ein. Besonders hervorzuheben seien die Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen, absolute Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit von Frau und Mann, Trennung von Religion und Staat, Beendigung gewalttätiger Aktionen im Namen der Religion sowie die Menschenrechte, wie sie im Koran festgelegt worden sind. Generell sei die Ahmadiyya gesellschaftlich sehr engagiert wie durch Spendenläufe, Blutspende-, Baumpflanz-, oder Straßenputzaktionen. Auch habe man als einzige muslimische Gemeinde eine Frauenorganisation, die unabhängig sei und sich selbst verwalte. Sie setze sich für die Bildung der Frau, gegen Zwangsheirat und Unterdrückung der Frau ein. Aber, so gab man auf Nachfrage an, herrsche auch bei der Ahmadiyya strikte Geschlechtertrennung.
 
Hier ergaben sich die ersten Kritik-und Diskussionspunkte, da die Menschenrechte im Koran teilweise anders definiert sind, wie die universell gültigen Menschenrechte der UN-Charta von 1948, gerade was die freiheitlichen, selbstbestimmten Rechte der Frau angeht. So sei es auch bei den Ahmadiyya Pflicht für die Frau, das Kopftuch zu tragen, was unserem Verständnis nach jedoch genau diesen Rechten konträr gegenüber steht und die freie Entfaltung der Frau beschränkt, indem man von klein auf anerzogen bekommt, dass das für eine Frau so „schicklich“ sei. Mehrere Gespräche mit muslimischen Frauen, die sowohl das Kopftuch tragen als auch das Kopftuch abgelegt haben, haben mir gezeigt, dass sich frau eben aufgrund des jahrelangen, aufoktroyierten Kopftuchtragens oftmals ohne dem Tuch schutzlos und nackt vorkommt. Eine weitere Angst, die das Ablegen des Kopftuchs verhindert, ist die Angst vor dem Ausschluss aus der Gemeinschaft.
 
Den größten und konträrsten Diskussionspunkt lieferte der Imam jedoch, als er im direkten Anschluss auf das Händeschütteln mit Frauen zu sprechen kam. Er habe die Frauen zur Begrüßung nur die Hand geschüttelt, um sie nicht zu kränken, werde sie ihnen aber zur Verabschiedung aufgrund seines Glaubens nicht mehr geben, sondern sich vor ihnen verbeugen. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass von seiner Seite aus kurz zuvor eine strikte Trennung von Staat und Religion gefordert und der Glaube an sich als Privatsache propagiert wurde, löste diese Aussage Unverständnis aus. Auch der Hinweis der Gruppe, dass das Händeschütteln in westlichen Ländern eine kulturelle und keine religionsbedingte Gegebenheit ist, sich Christen hier die Hände genauso geben wie Atheisten, Agnostiker … und man sich damit selber ausgrenze, gerade bei offiziellen Veranstaltungen, wurde mit der Erklärung ignoriert, dass man religiös bedingt eine fremde Frau nicht berühren dürfe. Nicht nur, weil diese verheiratet sein könnte, sondern weil man durch den Händedruck eine mögliche Unsittlichkeit zwischen den Menschen befürchte. Eine Aussage, die im Besonderen die anwesenden Männer sehr irritierte, da der Händedruck in unserer Gesellschaft keinerlei sexuellen Hintergrund hat. In ihren Augen zeugt dieses Verhalten von mangelndem Respekt gegenüber der Frau, und den Versuch, die Religion höher zu stellen als die gesetzlich verankerte Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und degradiert die Frau zu einem Wesen zweiter Klasse, zu einer Ware, die ein anderer Mann „besitzt“, die „Begehrlichkeiten“ hervorruft und die man besser nicht berührt.
 
Dass der Imam sich von den Frauen tatsächlich ohne Händeschütteln verabschiedet, wird nicht nur von ihnen als respektlos empfunden. Gerade in einer aufgeklärten westlichen Gesellschaft, in der Frauen seit Jahrzehnten um eine Gleichberechtigung kämpfen, betrachten die anwesenden Männer und Frauen das Verhalten als einen Rückschritt in patriarchalische Strukturen, die leider auch in der Form an die junge Generation weitergegeben werden.
 
Daniela Hofmann